DAS MUSICAL-STERBEN
STAGE ENTERTAINMENT LÄSST WAHRSCHEINLICH WEITERE MUSICALS STERBEN - AUS für die Musicals LIEBE STIRBT NIE und DAS WUNDER VON BERN noch in 2016? Schließung eines Theaters in Stuttgart?

Hamburg, Februar/März/April 2016, von Sigrun Bechtel DJV

 

Die tief in die Verlustzone geratene Musical-Produktionsgesellschaft STAGE ENTERTAINMENT, die nach dem Wechsel des Mehrheitsgesellschafters in eine profitable Firma verwandelt werden soll, wird möglicherweise weitere Musical-Produktionen in Deutschland schließen. Nach der bereits erfolgten Stilllegung des Theaters am Potsdamer Platz, durch die rund 150 Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze verloren haben, steht jetzt jede Musicalproduktion auf dem „Prüfstand“ (Konzernsprecher). Auch in der Firmenzentrale in Hamburg werden Arbeitsplätze abgebaut, vermutlich in größerem Maße als bisher bekannt.

Der neue Mehrheitsgesellschafter CVC ist eine der weltweit führenden Private Equity- und Anlageberatungsgesellschaften, böse Zungen nennen solche Firmen angeblich „Heuschrecken“. CVC hält angeblich mindestens 60% der Anteile an STAGE ENTERTAINMENT. Der frühere Eigentümer von STAGE ENTERTAINMENT hält zwar noch angeblich 40% der Anteile. Berichte von Personen, die mit dem Vorgang vertraut sind, legen jedoch nahe, dass der ehemalige Inhaber als Minderheitsgesellschafter nur eine „stellvertretende Beiratsfunktion“ in der neuen Gesellschaftsform hat und somit wichtige unternehmerische Entscheidungen nicht mehr beeinflussen kann.

CVC prognostiziert eine Verdoppelung der für STAGE ENTERTAINMENT – Shows zahlenden Besucher in den nächsten zehn Jahren – eine bemerkenswerte Aussage vor dem Hintergrund, dass das Unternehmen nach offiziellen Angaben im vergangenen Geschäftsjahr 19 Millionen Euro Verlust gemacht hat und mit zu leeren Theatern kämpft. CVC hat wesentliches Interesse an einer Steigerung des Gewinns, dazu muss die deutsche STAGE ENTERTAINMENT aber erstmal aus den roten Zahlen. Vermutlich macht das Unternehmen seit Jahren Verluste, da belastbare Zahlen nie vom Management veröffentlicht wurden – bis jetzt (gezwungener Maßen?). Ein Sprecher betonte, dass jedes Musical auf den „Prüfstand“ komme, ob es Gewinn macht. An dieser Aussage wird deutlich, dass künstlerische Aspekte zukünftig eine dem Profit untergeordnete Rolle spielen werden. Eine Expansion in ausländische Märkte wurde angekündigt. Man darf gespannt sein, ob dies erfolgreicher verläuft, als der katastrophale Flop mit dem „Musical“ ROCKY in New York am Broadway, das nach verheerenden Kritiken und ausbleibendem Publikum nach kurzer Zeit schließen musste. ROCKY war auch in Deutschland nur mäßig erfolgreich. Diese Fakten wurden vom Unternehmen nie kommuniziert. Die PR-Abteilung „verkauft“ alles und jedes als triumphalen Erfolg, die konzerneigenen Printprodukte sind teilweise eine so groteske Selbstbeweihräucherung, dass man beim Lesen lachen muss. Es besteht eine erschreckende Divergenz zwischen der Selbstdarstellung des Unternehmens und der Realität eines hoch verschuldeten, erfolglos geführten Konzerns, der kritikunfähig und selbstherrlich agierte. Damit ist es nun vorbei.

Aus der Eigenproduktion der STAGE ENTERTAINMENT Deutschland kamen in den vergangenen Jahren nur finanzielle Misserfolge. Ob ROCKY oder der Total-Flop SCHUH DES MANITU in Berlin (Komponist: Martin Lingnau), das peinliche ICH WILL SPASS in Essen oder aktuell das sehr schlecht besuchte Musical DAS WUNDER VON BERN (Komponist: wieder Martin Lingnau, gibt es keine anderen Komponisten?) – mit dieser wirtschaftlichen Misserfolgsproduktionsgesellschaft wird man den Globus sicher nicht erobern.

Insgesamt hat man den Eindruck, die Deutschen sind musicalmüde. Zu hohe Preise, zu schlechte Eigenproduktionen, zu viele Shows – wo soll da der Gewinn herkommen, den CVC formuliert? Die großen Zeiten des Musicals in Deutschland sind endgültig vorbei. Es bleibt abzuwarten, ob das ebenfalls sehr schlecht besuchte neue Andrew-Lloyd-Webber-Musical LIEBE STIRBT NIE oder DAS WUNDER VON BERN in Hamburg die Sanierungsaktionen von CVC überleben werden. Gut besucht sind nach wie vor DER KÖNIG DER LÖWEN (Disney) und das ganz neue ALADDIN (Disney), was die Hamburger Produktionen und somit den Hauptstandort des Unternehmens betrifft. Die Lage in Stuttgart (2 Theater!) ist ebenfalls besorgniserregend, die CHICAGO-Produktion floppte dort kürzlich total, nicht zuletzt, weil man kein Wort der niederländischen Hauptdarstellerin verstehen konnte. Tauscht CVC jetzt auch die Casting-Abteilung aus?

Mittlerweile wechseln die Shows aufgrund des ausbleibenden Publikums so schnell die Spielorte, dass man gar nicht mehr weiß, was wo läuft. Dies ist nur möglich durch eine Reduktion der aufwändigen Ausstattung. Die sogenannten Orchester werden immer kleiner, die Live-Musiker spielen weite Passagen zu einem Synchronisierungsklick, den sie über Kopfhörer erhalten, damit ihr Live-Spiel rhythmisch zum vorher aufgenommenen oder vollständig elektronisch hergestellten Playback-Orchester von Computer, Keyboard-Kombinationen oder sonstiger Einspielung passt. Die armen Dirigenten, teilweise hochqualifiziert (Bernhard Volk, Klaus Wilhelm) müssen in vielen und langen Passagen nach Klick dirigieren, wie schrecklich. Die neue, jüngere Generation von „Dirigenten“ bei STAGE befindet sich in einer anderen Gehalts- und Niveauklasse und für sie stellt der Klick vermutlich eine Sicherheitsmaßnahme zum eigenen Schaffen dar…

Die Schließung der Musical-Ausbildungsschule des Unternehmens ist bereits beschlossene Sache. 18 Studenten wissen nicht, wie es weitergeht (Stand Februar 2016). Über den Standort Oberhausen sollte man hier lieber gar nicht sprechen. Und jetzt steigt STAGE ENTERTAINMENT auch noch ins Tourneegeschäft ein, bringt zusätzlich zum mutmaßlich defizitären Holiday On Ice das Stück ICH WAR NOCH NIEMALS IN NEW YORK in einer stark abgespeckten Tourneeversion mit peinlichem Mini-Orchester in die Provinz. Die Verzweiflung scheint groß zu sein. Von den großartigen Original-Orchester-Arrangements von Michael Reed (u.a. Arrangeur von Andrew Lloyd Webber, Weltpremierendirigent von THE PHANTOM OF THE OPERA in London) ist kaum noch etwas zu hören, es klingt meiner Meinung nach wie ein elektronischer Udo-Jürgens-Brei. Jede simple Klaviersolobegleitung ist meiner Meinung nach besser als DAS.

Hoffentlich ist CVC der richtige neue Eigentümer, den anhaltenden Niedergang von STAGE ENTERTAINMENT zu bremsen. Neue Formen des Entertainments, wie beispielsweise CIRQUE DE SOLEIL oder Shows mit starken Entertainer-Persönlichkeiten - wie beispielsweise Comedians - sind komplett ausverkauft, während ein greinendes Phantom im Operettenhaus Hamburg wohl nie eine Person im Rang erblicken wird. Der Geschmack hat sich verändert, die Luft ist raus.

Freuen wir uns auf MAMMA MIA in Brasilien oder Honduras oder Panama! Allen Ernstes hat CVC verkündet, dass Expansionen in den südamerikanischen und asiatischen Markt geplant sind. Während man sich ein Musicalgastspiel in einer internationalisierten Metropole wie Singapur oder Tokio noch vorstellen kann, das ist ja auch schon erfolgreich von anderen Produzenten erledigt worden, ist der Gedanke von Musicals in südamerikanischen Staaten absurd. Abgesehen von der fehlenden Wirtschaftskraft, dort in großer Anzahl Eintrittskarten zu nennenswerten Preisen zu verkaufen, haben diese Länder eine völlig andere Unterhaltungskultur als wir. Und eine andere musikalische Ästhetik sowieso. Das Medium Theater lebt dort in gänzlich anderer Erscheinung als hier. Und ein Export in den friedlichen arabischen Raum? Etwas Absurderes lässt sich kaum ausdenken. Das Phantom der Oper in Abu Dhabi? Arabische Gegenfrage breiter Bevölkerungsschichten: Was ist eine Oper?

So grotesk kann ein globales Finanzunternehmen wie CVC niemals an die Sanierung eines akuten Notfalls wie STAGE ENTERTAINMENT herangehen. Musicals in der Opern-Nation Italien? Musicals in Griechenland? Musicals in Russland? Lächerlich, da ist kein Geld zu verdienen. Vermutlich wird der ursprüngliche Eigentümer seine 40% an den US-Konzern DISNEY veräußern, ebenso wie CVC, nachdem der Kahlschlag in Deutschland beendet ist. Und dann bekommt jede größere deutsche Stadt ein eigenes DISNEY-Musical (ob sie will oder nicht) – die logische Endstufe der Verwertungskette nach Film, Computerspiel, Merchandising und Spielzeug.

Schließlich wird die deutsche Geschäftsführung von STAGE ENTERTAINMENT vermutlich kaltgestellt oder (besser und billiger) abgeschafft, die Noch-Geschäftsführerin auf Abruf hat sowieso keine Ausbildung, die sie für die Leitung einer Firma qualifiziert. Ihre Berufung zur Geschäftsführerin hing vermutlich mehr mit ihren Kontakten zum ehemaligen Inhaber zusammen, als mit Faktoren wie Ausbildung, Können, Wirtschaftskompetenz und betriebswirtschaftlicher Weitsicht. Also: Werft schon mal das Popcorn an, hier kommt die amerikanische Musical-Unterhaltungskultur des 21. Jahrhunderts nach Deutschland – und wie! Ein Trost bleibt: Die Amis wissen wenigstens, wie man erfolgreiche Musicals macht.
Kulturästhetisch stellt sich abschließend die Frage, ob es das „deutsche Musical“ überhaupt gibt? Abgesehen von den Importproduktionen CATS, DAS PHANTOM DER OPER, STARLIGHT EXPRESS, MAMMA MIA, DER KÖNIG DER LÖWEN, ALADDIN usw., die allesamt internationale Erfolge sind, können die deutschen Musicalmacher höchstens regionale Erfolge vorweisen, die teilweise aber sehr beachtenswert und gelungen sind, allerdings hat das gar nichts mit STAGE ENTERTAINMENT zu tun. Der ehemalige Musicalmonopolist hat bei vielen Kreativen keinen guten Ruf mehr. Seit knapp zehn Jahren sind kontinuierlich kreative Leistungsträger enttäuscht, frustriert und gekränkt aus dem Konzern ausgeschieden.

Eine Ausnahme für ein international erfolgreiches deutschsprachiges Musical gibt es allerdings: Das in Österreich komponierte Musical ELISABETH ist nicht nur im deutschen Sprachraum, sondern auch international ein Riesenerfolg. In Hamburg wird es in diesem Frühjahr als Tourneeproduktion im MEHR! Theater am Großmarkt als Gastspiel aufgeführt. Dieses neue Riesentheater wird aber nicht von STAGE ENTERTAINMENT betrieben. Na sowas. Geht hier jemand neue Wege und bespielt sein Theater mit einem wechselnden Spielplan mit hochklassigen Acts? Na, wenn das mal nicht die Zukunft ist. Aber, herrje, dazu braucht man ein Konzept, künstlerische Kompetenz und Mut. Aber wo sind diese Eigenschaften derzeit bei STAGE ENTERTAINMENT, abgesehen von den wackeren Darstellern und Musikern? Die Firma STAGE ENTERTAINMENT braucht NEUE KREATIVE KÖPFE. Aber vorher müssen jetzt erstmal viele Köpfe rollen.

 

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© Dorothea Schneider